Fotoprojekt und Familie

Ein Teil meiner Hausaufgaben in jedem Semester umfasst ein freies Projekt. Hierbei ist es uns Studenten völlig freigestellt, welches Thema, welche Technik, welche Idee hinter unserem Projekt steht. Diese wird dem Dozenten anfangs vorgestellt, die Idee wird zugelassen (mit mehr, mal mit weniger Diskussion), und dann geht es los. Wie bei jeder andere Hausaufgabe auch, wird hier Schritt für Schritt am letztendlichen Ergebnis gearbeitet. Meist ist es recht clever, sich einen Schwerpunkt zu suchen, an dem man noch nie gearbeitet hat, oder aber welchen man noch mehr verbessern möchte – je nach Gusto. In diesem Semester tat ich mich noch schwerer als sonst mit der Wahl des Projektes. Irgendwie fiel mir nichts gutes ein, Ideen des Dozenten begeisterten mich zwar, doch es haperte dann an der Umsetzung. Nichts wollte so recht warmlaufen. Oftmals kommt einem dann der liebe Zufall zur Hilfe. So sollte es auch diesmal sein.

Zufall und Schlaganfall

Zugegeben, der Zufall ist nicht wirklich schön. Mein Opa erlitt einen Schlaganfall und kam nach einem Krankenhausaufenthalt in die Reha. Diesen Umstand machte ich mir zunutze und suchte mit Kamera, Stativ und diversen Objektiven bewaffnet seine Wohnung auf. Was mich dort erwartete, war zu allererst ein Kurztrip in die Kindheit. Es war wirklich sehr erstaunlich. Der Geruch, das Licht, die Räume, die Möbel – kaum etwas hatte sich verändert. Nach dem Tod meiner Oma war ich nicht mehr häufig bei Opa gewesen. Doch im Moment des Betretens des Hauses war all diese Zeit wie weggeblasen – es roch im Hausflur noch genau so wie früher. Der typische Kellergeruch nach Schmieröl, Heizöl und Putzmittel stieg noch immer die Stufen zur Hochparterre- Wohnung meines Opas auf. Dort hatte sich bis auf den einen oder anderen Läufer auf dem Fußboden und einem neuen Telefon auch nichts verändert. Die gleichen Gardinen, die gleichen Comic- Senfgläser als Trinkgläser und die gleiche Deko an den gleichen Stellen. Einzig die Familienfotos hatten sich geändert, es waren mehr und welche aus den letzten Jahren. 

kindlicher Blick – weicher Look

Nach einem Rundgang durch alle Räume, reichlich durchmischt mit vielen Erinnerungen und Gefühlen, baute ich meine Kamera zusammen. Ich wählte ein altes Objektiv, manuelle Schärfe, träumerisches Bokeh, alter „Look„.  Es schien mir einfach passend. Ich drehte meine Runden, ließ meine Augen durch die Räume wandern, drückte immer und immer wieder auf den Auslöser. Den ersten Rundgang drehte ich mit dem Blick eines Kindes, aus kindlicher Höhe mit kindlichem Interesse. Allerdings wirkte es nicht so wie gedacht auf den Bildern. Der nächste Rundgang wurde eher klar und zeigend. Abschließend machte ich noch einige Bilder aus kurzer Distanz. Fertig war meine erste Runde – bereit für die Dozentenaugen.

es fehlt die Nähe 

Bei der Durchsicht war das Abwatschen gar nicht mal so groß wie erwartet – sehr aufbauend und erfreulich. Man kennt es ja auch bestimmt selber – man ist von seiner Idee total begeistert, dann plötzlich stimmt daran gar nichts mehr, aber neu machen ist auch nicht mehr drin. Also stellt man sich dem Ganzen mit gemischten Gefühlen. Meine Bilder würden zu viel zeigen, seien zu deutlich und nicht nah genug. Da hatte ich mir so viel Mühe gegeben, mich extra auf Kindergröße geschrumpft und mir Gedanken über das Alter des Objektivs gemacht… Doch die Kritik brachte mich einige Schritte voran und spornte mich zu einem zweiten Besuch an (die zweite Runde ist generell zu erwarten und kam nicht überraschend). Diesmal schraubte ich meine neuesten Linsen auf die Kamera, versuchte mich mit weitwinkligen und sehr nahen Aufnahmen und nahm noch einen entfesselten Blitz mit Farbfilter dazu. Der Tipp lautete: mach es schräg. Zeig, wie sehr die Dinge quer laufen, welche Emotionen dort hochkommen. Ok, dann also diesmal schräg.

schräg und unfertig

In der vorläufigen Nachbearbeitung drehte ich besonders an Kontrast und Sättigung. Ich hatte weiterhin den Wunsch, einen eher alten Look zu bekommen. Die Beurteilung dieser neuen Runde steht noch aus. Doch möchte ich die Bilder schon jetzt zeigen und gerne eure Meinung dazu lesen. 

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